Es gibt kein “Sollte”

Ich denke, ich sollte mich auf eine bestimmte Weise fühlen. Ich sollte ‘dies’ über ‘das’ denken. Ich sollte früher ins Bett gehen.
Ich sollte mich gesund und nährend ernähren. Ich sollte mich selbst lieben.
Ich sollte mein Leben lieben. Ich sollte meinen Partner lieben.

Das ist ganz schön schwer, oder? All diese „Solltes“. All diese stillen Verpflichtungen.
Was wäre, wenn sie einfach nicht wahr sind?

Ich liebe es, lange wach zu bleiben und ein Glas Wein zu trinken und Chips zu naschen.
So weit, so gut. Das ist eine Entscheidung.

Schwieriger wird es, wenn dieselbe Ehrlichkeit zu Sätzen führt wie:
„Ich liebe meinen Partner nicht.“
„Ich liebe mein Leben nicht.“

Dann is etwas ganz bestimmt nicht stimmig. Diese Einsicht tut weh.

Aber genau in diesem Moment liegt auch etwas Wertvolles.
Denn dann hast du dir erlaubt, wirklich zu fühlen. Du handelst nicht mehr aus Annahmen heraus. Du bist wieder in Kontakt mit dem, was für dich wahr ist. Und vielleicht beginnst du zum ersten Mal seit Langem klarer zu sehen, was du eigentlich willst.

Und wenn das nicht mit dem übereinstimmt, was ist – dann tut diese Erkenntnis weh.

Also sei zunächst etwas sanfter mit dir.

Diese stillen Verpflichtunger deiner „Solltes“ darfst du überhören. Sie sind nicht echt, sie exisiteren nicht.
Sie sind Vorstellungen davon, wie das Leben sein sollte. Aber sie sind nicht die Realität.
Tatsächlich existieren sie nur in deinem Kopf.

Warum also daran festhalten?

Stattdessen: Geh auf die Suche nach dem „Ist“.

Was passiert gerade wirklich? Was fühlst du tatsächlich?
Lass es da sein, auch wenn es unangenehm ist, auch wenn es nicht zu der Geschichte passt, die du lieber erzählen würdest. Es ist trotzdem gültig. Es ist Information. Und es ist echt.

Und von dort aus: Was willst du?

Nicht, was du wollen solltest.
Nicht, was sinnvoll wäre.
Nicht, was von außen gut aussehen würde.

Was willst du – so, wie du gerade bist – wirklich?

Und wenn das, was du hast, nicht das ist, was du willst, dann wird die Frage praktisch:
Was kannst du tun, um dem näherzukommen?

Ist das „Sollte“ wirklich das, was du willst? Wahrscheinlich nicht. Wir sind darauf trainiert, auf bestimmte Weise zu leben, bestimmte Lebensformen anzustreben, bestimmte Ergebnisse als „normal“ oder „erfolgreich“ zu bezeichnen. Und lange folgen wir diesen Annahmen, ohne sie zu hinterfragen.

Aber ich sehe immer mehr Menschen die ihr Leben gründlich hinterfragen. Besonders jüngere Menschen.
Sie scheinen schneller zu merken, wenn etwas nicht passt – und sind eher bereit, es zu verändern.

Das bewundere ich.

Und gleichzeitig taucht ein neues „Sollte“ auf:
Ich hätte es besser machen sollen. Ich hätte das früher erkennen sollen.

Sollte.

Aber ich habe es nicht. Ich konnte es nicht. Es war einfach nicht so.

Und das ist in Ordnung.

Ich vergebe mir.

Und von hier aus interessiert mich mehr das „Ist“ – und das, was möglich ist.

Nicht basierend auf irgendeinem abstrakten Ideal,
sondern auf meinen Bedingungen, meinen Bedürfnissen, meinen Wünschen, meinen Werten – und auch meinen Grenzen.

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